texts

Kunst in Marburg 2018 Marburger Kunstverein, 2018

Ihr Projekt „Hybride Heimat" versteht die Künstlerin als kritische Reflexion unserer Gegenwart, in der Begriffe wie Herkunft, Identität oder Territorium komplexe Phänomene andeuten und stetigem Wandel sowie politischen Strategien unterworfen sind. Das früher ganz selbstverständlich vorhandene Gefühl von Heimat, Verbundenheit und Vertrautheit zu der Region, aus der wir stammen und/oder in der wir leben, ist bei vielen Menschen weltweit großen Ängsten, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit gewichen.
Ines Schaikowski geht bei ihren Untersuchungen von realen Orten und eigenen Erfahrungen aus – Alltagssituationen, Gebrauchsgegenständen, Handlungsmustern. Sie fügt disparate Materialien zusammen, verfestigt Fragmentarisches in Beton, verfremdet allzu Vertrautes und legt die Bruchstellen unseres kollektiven Gedächtnisses offen. Oft fügt sie Objekte, Malerei und Grafik zu einem installativen Gesamtarrangement zusammen.
Die Wahl der künstlerischen Genres ist dabei keineswegs willkürlich, sondern Resultat medienreflexiver Prozesse. Mit großer Sensibilität für den wechselseitigen Austausch von individueller Erfahrung einerseits und Transzendenz im künstlerischen Prozess andererseits gelingt es Ines Schaikowski, die Betrachterin und den Betrachter emotional zu berühren, zur Reflexion über die eigene Identität anzuregen und weitere Denkprozesse anzustoßen. Die Grenzen zwischen dem Stadium der Idee und der Skizze und dem elaborierten, fertiggestellten Werk sind aufgelöst. Ihre Arbeiten sind keine abgeschlossenen Artefakte, sondern offene Kunstwerke, „opera aperta“ im Sinne von Umberto Eco.
Dr. Carola Schneider (Kunsthistorikerin, Marburger Kunstverein), Marburg 2021
_______

Für Ines Schaikowski ist das Konzept Heimat ein Identität gebendes. Die Künstlerin stellt fest, dass die geopolitischen Umstände und die technologischen Medien uns heute von dieser Heimat trennen. Aus einem minimalistischen Blickwinkel heraus kombiniert sie Materialien, die weit voneinander entfernt sind – Alltags- und Haushaltsgegenstände wie Strohhalme oder Wäscheleinen gießt sie in Mörtel zu Blöcken  –  und nähert sich damit wieder einer Vorstellung von Heimat an.
Dr. Pilar Parcerisas (Kunsthistorikerin), Barcelona 2019
_______

Ines Schaikowski entwirft Skulpturen, verschlossene, gebaute Räume, die sich im Nebensatz als Auszüge von Architektur darstellen. Räume, in denen wir normalerweise unser Leben leben, unsere Erinnerungen zu bewahren suchen, Sicherheit empfinden. Dass die Vorstellung dieser Raumidee flüchtig ist, umspinnt die Arbeiten der Künstlerin in jedem Moment.
Udo Buffler (Bildhauer), Marburg 2018
_______

Seit 2016 arbeite ich an meinem künstlerischen Projekt Hybride Heimat, das sich als kritische Reflexion einer Gegenwart versteht, in der die Auseinandersetzung mit begrifflichen Konzepten wie Identität und Identifikation eine hoch komplexe und komplizierte Problematik aufbricht. Ich beobachte wie durch technisch-mediale Möglichkeiten und geopolitische Ereignisse eine Aufspaltung und Umstrukturierung persönlicher, sozialer und kultureller Orientierungsprozesse sowie gesellschaftlicher Wertebildungsstrategien stattfindet.

Im Zentrum dieses Projekts steht der Mensch und die Prozesse seiner Vergegenwärtigung. Besonders interessiert mich, die Beziehung des Menschen zu seiner gegenständlichen Umwelt. Mit den Objekten, die ihn unmittelbar umgeben, mit der Umwelt die auf ihn einwirkt, einer Umwelt, die er wahrnimmt, die er formt und die auf ihn zurückwirkt und suche nach Gesten von Identitätsbildung im Alltag.
Rechteckige Gussformen produzieren immer gleiche Betonblöcke. Erfassen Gegenstände, schließen sie ein, verbergen sie unter sich. Alltagsgegenstände wie Kosmetiktücher, Klammern oder Trinkhalme durchdringen oft mit angepasster Strenge den Beton und vermögen es dennoch, mit der Weichheit ihrer sachlichen Ehrlichkeit, die Prinzipien der kubischen Form und die Eigenschaften der kühlen, statischen Rauheit des Betons zu entkräften. Die Gegenstände drücken sich ein, verschwinden oder brechen heraus. Strukturen, Serialität, Ähnlichkeit, Mimesis werden beobachtet, erfasst, geglättet, inszeniert.
Durch meine Arbeiten ertaste und reflektiere ich über die diversen Möglichkeiten eines zeitgenössischen Heimatbegriffs.
Ines Schaikowski, Wriezen/Vilafranca de Penedes 2019/20
Back to Top